Ursache und Wirkung im Kaukasus-Konflikt


Gestern hatte ich das zweifelhafte Vergnügen, mir zum russischen-georgischen Krieg die Meinungen der Korrespondentin D.W., welche u.a. für einen deutschen Auslandsfernsehsender  schreibt, en face anhören zu dürfen. Frau W. erwiderte auf meine kritischen Anmerkungen stets mit „Aber man muss auch Russland verstehen...“. Nun gut, Frau W., ich will Ihnen und den vielen anderen professionellen Russlandverstehern im deutschen Journalismus hiermit ein letztes Mal die Freude machen und so weit wie möglich Verständnis für die russische Politik zeigen.

1. Ich will nunmehr verstehen, dass Russland immer ein Recht auf ein Imperium besaß, besitzt und besitzen wird. Naturgemäß hat es das Recht sich in die Angelegenheiten der Staaten des südlichen Kaukasus einzumischen und sie zu beherrschen.

2. Ich sehe jetzt endlich ein, dass der Kreml seit über 200 Jahren keine andere Wahl hatte und hat als Zwietracht zwischen den Völkern des Kaukasus zu säen. Es ist und war der einzige Weg, wie im Kaukasus der Frieden bewahrt werden kann. (Beispiele: Abchasien, Adscharien, Grenzziehung zwischen Armenien und Aserbaidschan, Armenier-Konflikte in Georgien, Tschetschenien, Russifizierungs-Politik, nach ethnischen Kriterien verteilte Berufe, Muslimisierung von Georgiern uvm.).

3. Offenkundig ist natürlich, dass die russischen Blauhelme einer Friedensmission nachgingen. Dabei legten sie besonderen Wert auf Unparteilichkeit. Die Ungeduld des Kreml, dass seine friedliche Politik nicht hinreichend gewürdigt wurde bzw. wird, ist vor dem Hintergrund der Vorkommnisse an den innergeorgischen Grenzen während der letzten 13 Jahre nur zu verständlich.

4. Dank Ihrer einfühlsamen Erläuterung verstehe ich nunmehr, dass es eine furchtbare Erniedrigung für das russische Militär darstellte, als sechs ihrer Offiziere im September 2006 wegen Spionage gefangen genommen und nach Russland abgeschoben wurden. Laut russischem Außenministerium erinnerte die georgische Aktion an das Jahr 1937. Das wahllose Kidnapping Dutzender georgischer Bürger in Russland im Oktober 2006 und ihre Verbringung nach Georgien in Frachtmaschinen, ohne Wasser, Sitzplätze, Toilette und medizinische Versorgung der Kranken, war dagegen eine wahrhaft humanitäre Maßnahme – diese Menschen wären sonst, wie so viele vor ihnen, womöglich als „Schwarzärsche“ auf den Straßen Moskaus zusammengeschlagen worden, weil die russsiche Polizei für ihre Sicherheit nicht bürgen konnte.

5. Völlig einsichtig ist, dass das bei weitem größte Land der Erde, das überreich ist an Bodenschätzen und Nuklearwaffen, sich bedroht fühlen muss von Staaten wie Estland, der Ukraine und Georgien. Diese überaus aggressiven Nachbarn bedrohen seine Sicherheit, indem sie den Angriff auf russisches Territorium planen und offensichtlich Moskau erobern wollen.

6. Selbstverständlich war es ein großer Fehler der Regierung Saakaschwili, um Aufnahme Georgiens in die NATO zu ersuchen. Erst dieser Schritt störte die gutnachbarlichen Beziehungen und veranlasste die bis dahin stets wohlwollende und friedliebende Regierung im Kreml, militärische Maßnahmen zu ergreifen (wie z.B. die Beschießung des Naturparks Bordschomi zwecks Entfachung von Waldbränden, die Bombardierung eines Zementwerks in Kaspi oder die Verminung eines großen Naturparks bei Poti), um Russland zu verteidigen.

7. Natürlich muss sich Russland durch die Aufnahme dieser Staaten in die NATO bedroht fühlen. Schließlich ist die NATO ein Angriffsbündnis und plant den dritten Weltkrieg. Punkt.

8. Selbstverständlich hat der Kreml nach der Anerkennung der Unabhängigkeit des Kosovo durch den Westen nun seinerseits das Recht, Abchasien und Südossetien für unabhängig zu erklären. Zum einen spricht dafür, dass zwar im ersten Fall eine Vielzahl von Staaten der Welt der Unabhängigkeit zugestimmt hat, was aber durch die Anzahl der russischen Republiken wettgemacht wird; Republiken, die sich, wie wir wissen, innerhalb der russischen Föderation größtmöglicher Freiheit erfreuen. Zweitens hat Russland nun natürlich das Recht, den Fehler, den es damals heftig kritisierte, selber begehen zu dürfen. Oder aber heute das Richtige zu tun ohne den Fehler von einst eingestehen zu müssen.

9. Na klar musste der Kreml seine Bürger in Abchasien und Süd-Ossetien schützen. Schließlich hatte er dort in den letzten Jahren zehntausende russische Pässe verteilt. (Ich schlage vor, die Bundesregierung bemüht sich um eine Beilegung des Darfur- und anderer Konflikte in Afrika, indem sie den ethnisch verfolgten Afrikanern deutsche Pässe ausstellt - so käme Deutschland obendrein nach 90 Jahren auch wieder zu Kolonien!) Wie jeder Russe weiß, hatten die Georgier zuvor ethnische Säuberungen in den genannten Gebieten durchgeführt. Zweihunderttausend georgisch-stämmige Flüchtlinge und Tausende in Georgien, aber außerhalb von Süd-Ossetien unbehelligt lebende Osseten sind der überall in Georgien augenfällige Beweis.

10. Verständlich, dass Putin jetzt die Unabhängigkeit von Abchasien und Südossetien befürwortet. Schließlich liegen beide Gebiete auf dem Territorium Georgiens. Leider, leider aber liegt Tschetschenien auf dem Gebiet der russischen Föderation. Somit war Putin gezwungen, diesen nach Unabhängigkeit strebenden Landstrich zum zweiten Mal (1999-2006) in Schutt und Asche zu legen. Denn um den Frieden endgültig wieder herzustellen, blieb Putin keine andere Wahl – schließlich waren noch einige Häuser intakt geblieben und einige Kriegstreiber im Nordkaukasus erhoben schon wieder frech ihre Stimmen. Die Sache war so eindeutig, dass ausländische Journalisten nur unnötig im Wege gestanden hätten.

11. Sicher muss für die Russen das gleiche Recht gelten wie für die Amerikaner. Wenn letztere Irak angriffen, dann durfte auch der Kreml Georgien besetzen. Dieses Recht ist überall anwendbar und auch im täglichen Leben unverzichtbar. Wer z.B. wegen eines Rotlichtverstoßes angehalten wird, trifft überall auf der Welt auf großes Verständnis, wenn er die Polizei darauf hinweist, dass schon andere vor ihm bei Rot über die Ampel gefahren sind. (Liebe deutsche Journalisten, das wäre doch ein feines Argument, wenn Sie demnächst mal wegen Übertretung einer Verkehrsregel von der Moskauer Verkehrspolizei angehalten werden!)

12. Zwar haben russische Politik und russisches Militär schon hunderttausende Kaukasier auf dem Gewissen und die Amerikaner hier noch keinen einzigen Schuss abgefeuert. Aber der amerikanische Imperialismus ist von Natur aus viel gefährlicher, wie jeder Deutsche weiß. Deswegen verstehe ich, dass wir als deutsche Friedensfreunde die amerikanischen Hilfeleistungen für Georgien verurteilen müssen, andererseits aber viel Verständnis für die Politik des Kreml zeigen, damit dort weiterhin Friedenspolitik gemacht wird und die überaus erfolgreiche deutsch-russische Partnerschaft, auf die beide Seiten gewiss gleichermaßen angewiesen sind, nicht gestört wird. Schließlich war auch die alliierte Appeasement-Politik gegenüber Nazi-Deutschland sehr erfolgreich und verhinderte den Zweiten Weltkrieg, nicht wahr?

Liebe Frau W., sicher sind Ihnen meine nicht ganz ernst gemeinten Einlassungen viel zu einseitig. Sie Ihrerseits bemühen sich nach Kräften beide Seiten zu verstehen. Bitte entschuldigen Sie, wenn ich die vielen Fehler, die (tatsächlich!) von der Regierung Saakaschwili begangen wurden, hier nicht aufzähle. Allzu leicht kämen sonst Ursache und Wirkung durcheinander. Zwischen diesen zu unterscheiden ist natürlich nicht Ihre Aufgabe als kritische deutsche Journalistin; deswegen will ich Sie auch nicht weiter verwirren.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr
Sönke Henning Tappe

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1 Kommentar:

Hans hat gesagt…

Mal den Blickwinkel ändern !

http://www.zeit.de/2008/36/Op-ed-36

Beste Grüße, H

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